Die Rettungsweste

am Turm der Klosterkirche

Hoch oben am Turm schwingt sie leise im Wind. Schwingt hin und her. Alles ist still. Sie ist eine von vielen Rettungswesten, die an vielen Kirchtürmen unserer Landeskirche hängen. Sie erzählen davon, dass sich genau in diesem Moment Menschen auf den Weg zu uns nach Europa über das Mittelmeer machen. Auch jetzt ist dies der gefährlichste Weg. Und es werden wieder viele Menschen in ihren hochseeuntauglichen Booten in Seenot geraten.

Wir im sicheren Europa werden davon wenig mitbekommen. Denn die Regierungen im Süden blockieren die Seerettung; private Rettungsorganisationen werden gegängelt und kriminalisiert. Und so werden auch dieses Jahr unzählige Menschen im Meer ertrinken. Leise und ohne Hoffnung auf Rettung. Niemand hört ihre Schreie auf hoher See. Niemand sieht, wie sie langsam im Meer versinken. Das Meer liegt still da – so wie sonst auch.

Hoch oben am Kirchturm hängen die Rettungswesten. Auch der Turm hat seine Erzählung. Er erzählt davon, dass ein Gott ist, der alles einmal geschaffen hat; auch jeden Menschen – Dich und mich. Wir sind sein Ebenbild, in dem sich Gott wiedererkennen möchte. Wir alle tragen etwas Heiliges in uns. Diese Erzählung verliert in weiten Kreisen immer mehr an Bedeutung – was schlimm ist. Denn sie hat ihre schönste Fortschreibung in dem europäischen Gedanken, dass jeder Mensch seine eigene Würde besitzt, die ihm Unversehrtheit an Leib und Leben und das Recht auf Rettung als Menschenrecht garantiert. Und das ist wahrlich das höchste Gut, das wir auf Erden denken können.

Jan Höffker

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